Pädagogik

Werkstattgespräche

Werkstattgespräche gehören zu den besonderen Momenten im Schuljahr. Nicht zuletzt dank der Unterstützung der Schulleitung und der Initiative von Marc von Moos kann das Gymi solche Formate ermöglichen – und werden sie weiterhin pflegen. In einer Zeit, in der die Lesebereitschaft vieler Jugendlicher spürbar abnimmt, setzt das Gymi damit ein wichtiges Zeichen: Lesen soll nicht als Pflichtaufgabe erlebt werden, sondern als persönliche Begegnung mit einer Stimme, einer Perspektive, einer Welt.

Inspirierende Werkstattgespräche

Im Zentrum des Literaturunterrichts steht immer auch die Frage: “Mea res agitur?”, oder frei übersetzt, “was hat dieses Buch mit mir zu tun" - oder gar ”was macht es mit mir?" Diese Frage begleitet die Lernenden durch jede Lektüre. Doch selten wird sie so greifbar wie in dem Moment, in dem die Autorin oder der Autor selbst im Raum steht.

Die Schülerinnen und Schüler durften ihre eigenen, buchbezogenen Fragen vorbereiten und im Gespräch stellen. Dadurch entstand ein Dialog, der weit über das reine Textverständnis hinausging: Die Jugendlichen erfuhren, wie Geschichten entstehen, welche Gedanken dahinterstehen und wie viel Persönliches in einem literarischen Werk steckt.

Solche Begegnungen sind wertvoll. Sie öffnen Türen zu zeitgenössischer Literatur, schaffen Nähe zu den Menschen hinter den Büchern und stärken die Motivation, selbst zu lesen, zu denken und Fragen zu stellen. 

Solche Begegnungen sind wertvoll. Sie öffnen Türen zu zeitgenössischer Literatur, schaffen Nähe zu den Menschen hinter den Büchern und stärken die Motivation, selbst zu lesen, zu denken und Fragen zu stellen.

Marc von Moos, Lehrer für Deutsch

«Schattengänger» und «Hohlräume»

Die Romane Schattengänger von Gina Bucher und Hohlräume von Peter Zimmermann, die die Klassen 4a und 4c gelesen haben, sind unterschiedlich in Ton und Setting. Dennoch laden beide die Leserin und den Leser dazu ein, die Welt aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten. 

Auch wenn die beiden Autoren auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Geschichten erzählen, berühren sie ähnliche Fragen. Sie arbeiten mit mehreren Perspektiven und zeigen, wie unterschiedlich Menschen dieselbe Wirklichkeit wahrnehmen. Identität entsteht hier aus dem, was wir über uns selbst wissen, und aus dem, was andere in uns sehen.

Es stehen Figuren im Zentrum, die mit Einsamkeit, Entfremdung und gesellschaftlichen Erwartungen ringen. Die Autorin und der Autor führen die Leser in kleine soziale Räume – ein Wohnquartier, eine Familie, ein Schulhaus – und machen darin sichtbar, wie schnell wir urteilen und wie wenig wir tatsächlich voneinander wissen.

Verschiedene Erzählperspektiven

In Schattengänger wird Jo Graber ausschliesslich durch die Stimmen anderer erzählt – Nachbarn, Kolleginnen, ein Kind, eine Ärztin. Jede Figur bringt ihre eigene Sicht, ihre eigenen Ängste und Projektionen ein. Dadurch entsteht ein Mosaik aus Wahrnehmungen, das mehr über die Beobachtenden als über den „Schattengänger“ selbst verrät. 

Auch Hohlräume entfaltet sich über mehrere Figuren hinweg: Karl, Esther, Laura, Sophia, Julian und weitere. Jede Figur trägt ein Stück zur Gesamtgeschichte bei, und erst durch das Zusammenspiel ihrer Perspektiven wird sichtbar, wie eng ihre Lebenswege miteinander verwoben sind.

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Lehrer für Deutsch in der österreichischen Nationalbibliothek

2 / 3

Gina Bucher, Autorin / Redakteurin

3 / 3

Peter Zimmermann, Schriftsteller / Journalist

Begegnungen mit Autoren sind für die Lesekultur am Gymi wertvoll. Sie fördern nicht nur die Auseinandersetzung mit Literatur, sondern bringen Schülerinnen und Schüler direkt mit dem kreativen Prozess des Schreibens in Kontakt.

Marc von Moos, Lehrer Deutsch

Als Zeichen des Dankes verfassten die Lernenden anschliessend persönliche Briefe an die beiden Schreibenden – mit Feedback, Eindrücken und Reflexionen. Sie zeigen eindrücklich, wie viel die Werkstattgespräche in ihnen ausgelöst haben.

Die Bedeutung zeitgenössischer Literatur

Zeitgenössische Literatur eröffnet Jugendlichen einen Zugang zur Welt, in der sie leben – unmittelbar, vielstimmig und nah an ihren eigenen Erfahrungen. 

Während klassische Werke oft zeitlose Fragen stellen, spricht zeitgenössische Literatur die Gegenwart in all ihren Facetten an: gesellschaftliche Spannungen, digitale Lebenswelten, Identitätssuche, Zukunftsängste, Humor, Vielfalt. Sie zeigt, wie Menschen heute denken, fühlen und erzählen.

Gerade deshalb ist sie im Unterricht so wertvoll. Sie ermöglicht es den Schülerinnen und Schülern, sich mit Lebensrealitäten auseinanderzusetzen, die ihnen fremd sind. Beides ist für die Entwicklung von Empathie und kritischem Denken entscheidend.

Werkstattgespräche verstärken diesen Effekt. Sie zeigen, dass hinter jedem Buch ein Mensch steht, der ringt, zweifelt, entscheidet, verwirft und neu beginnt. Diese Begegnungen machen Literatur greifbar, indem sie junge Menschen ins Gespräch bringen – mit Texten, mit Autorinnen und Autoren und letztlich mit sich selbst.

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