Reden hilft: Der Holocaust und der Gaza-Konflikt
Michal Arend, Soziologe und Holocaust-Betroffener, suchte vor und mit Maturandinnen und Maturanden des Gymnasiums Immensee nach Worten für diese Gräuel.

«Väterlicherseits haben von 27 Familienmitgliedern nur 5 den Holocaust überlebt», sagt der 1949 in Prag geborene Michal Arend am Holocaust-Gedenknachmittag, der vom Gymi Immensee alljährlich organisiert wird, «und meine beiden Elternteile überlebten Auschwitz nur mit Glück.» Wie viele Holocaust-Betroffene der zweiten Generation erfuhr er jedoch erst in fortgeschrittenem Alter, was seinen Eltern und Grosseltern im Zweiten Weltkrieg widerfahren ist.
Seither leidet Michal Arend, obwohl nicht direkt betroffen, unter Albträumen und Schlafstörungen. «Oftmals überlege ich, ohne es zu wollen, ob eine Person, die ich eben gerade kennenlerne, mich im Kriegsfall verstecken würde», sagt er.
Dass seine Eltern trotz ihrer Shoa-Erfahrung zwei Jahre nach der Befreiung aus dem KZ heirateten und ihr Überleben mit der Geburt zweier Kinder feierten, treibt ihm bei der Erzählung in Immensee noch immer die Tränen in die Augen. «Leider konnte ich mit meinem Vater darüber nicht mehr sprechen», sagt er.
Leider konnte ich mit meinem Vater darüber nicht mehr sprechen.
Michal Arend, Soziologe und Holocaust-Betroffener
Einvernehmliches Schweigen
Den Zustand, den er in seiner Familie jahrelang erlebt hat, beschreibt Michal Arend als «einvernehmliches Schweigen der Eltern und Kinder». Erst 1996 waren die Eltern bereit, ihre Geschichte im Zuge einer Aktion von Steven Spielberg, dem Regisseur von «Schindlers Liste», auf Kassette zu sprechen. «Wir Kinder waren aber nicht bereit, uns das anzuhören», sagt Michal Arend: «wir liessen die Kassetten zuhinterst in unseren Schränken verschwinden.» So kam es, dass er mit dem Vater überhaupt nicht und mit der Mutter erst ganz am Schluss ihres Lebens über ihre Holocausterfahrung sprach.
Dies erfüllt heute Michal Arend mit Trauer – einer Trauer, die er anderen Menschen, deren Familien ebenfalls von Kriegstraumata betroffen sind, ersparen möchte. Deshalb teilt er nun seine Geschichte in Vorträgen – und stösst bei den Schüler:innen des Gymi Immensee auf offene Ohren und Herzen. «Mich hat sein Vortrag emotional berührt», sagte nachher eine Maturandin, die ungenannt bleiben will. «Denn meine Eltern waren vom Jugoslawienkrieg betroffen. Erst seit kurzem rede ich mit meiner Mutter darüber, und wenn sie erzählt, macht sie das jetzt noch, als ob sie eine unbeteiligte Beobachterin der Geschehnisse gewesen wäre.»
Auch andere Schüler erzählten von Urgrosseltern mit einer Fluchtgeschichte oder Erfahrungen in Arbeitslagern. Und wie verhalten sich die Kinder von Michal Arend? «Mein älterer Sohn beschäftigt sich seit kurzem intensiv mit unserer Familiengeschichte. Anders sein jüngerer Bruder, der immer noch um das, was geschehen ist, einen Bogen macht», sagt er.
Politische Stabilität ist keine Selbstverständlichkeit
Die zweite, ebenso aktuelle Botschaft von Michal Arend an die Adresse der Schüler:innen des Gymi Immensee: Passt auf, politische Verhältnisse können sich rasch ändern. Seine Grosseltern und hunderttausende andere Menschen bezahlten mit dem Tod, dass sie die Gefahr des Nationalsozialismus zu spät erkannten. Sein Vater lernte daraus und brachte seine Familie nach dem Prager Frühling 1968 rechtzeitig in Sicherheit. Heute nimmt Michal Arend besorgt zur Kenntnis, dass der Antisemitismus wegen des Gaza-Krieges wieder zugenommen hat.
Die Regierung Israels darf jedoch nicht mit der ganzen Gesellschaft in diesem Land gleichgesetzt werden, zumal sehr viele Juden in Israel und in der Diaspora mit der Kriegsführung Netanyahus nicht einverstanden sind. Auch ist die Religion nicht der Hauptgrund des Gazakrieges. Es geht um eine Vergeltung für den grauenvollen Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 – mit kriegerischen Handlungen seitens Israel, die knapp am Tatbestand eines Völkermordes vorbeischrammen.
«Um von einem Genozid zu sprechen, bräuchte es den Nachweis eines klaren Aufrufs zur Tötung der palästinensischen Bevölkerung im Gaza-Streifen», sagen die organisierenden Geschichts-Lehrpersonen Pascal Küng und Lukas Tobler: «Noch ist dieser Beweis nicht erbracht.» Um hier den Horizont noch weiter zu spannen, betten sie den Holocaust-Gedenktag deshalb ein in eine Vorlesungsreihe zum Thema «Völkermord im 20. Jahrhundert» und stellen dabei zum Beispiel auch Armenien, Srebrenica, Kambodscha oder Ruanda in den Fokus. Was die Lernenden des Gymi Immensee sicher mitnehmen werden: Die Gewissheit, dass die Werte einer demokratischen Gesellschaft nicht selbstverständlich sind, sondern sorgsam gepflegt werden müssen.
Um von einem Genozid zu sprechen, bräuchte es den Nachweis eines klaren Aufrufs zur Tötung der palästinensischen Bevölkerung im Gaza-Streifen
Pascal Küng und Lukas Tobler, Geschichts-Lehrpersonen



