Reportage Internat

Bericht August 2015 von David Coulin

Willkommen im Internat

 

Für 21 Schülerinnen und Schüler des Gymi Immensee bedeutete der erste Schultag auch den Aufbruch in die Selbstständigkeit.

 

Eine Schachtel Zwieback und ein Pack Chips hat die Mutter von Fabiano Dörig in der obersten Ablage des Schrankes deponiert, der Fabianos Bett im Internatszimmer abgrenzt von der Eingangstüre. „Der Zwieback soll ihm helfen, falls er mal Magenprobleme haben sollte“, sagt sie. Nötig scheint dies aber nicht zu sein – mindestens am Tag der Ankunft im Internat des Gymi Immensee nicht. Es ist früher Sonntagabend, und der 13-jährige Fabiano ist guter Dinge. Den Raum, den er sich im nächsten Jahr mit Philipp Alexander teilen wird, kennt er schon vom Tag der Aufnahmeprüfung her. „Statt am Prüfungstag eine Stunde von Schindellegi anzureisen, wollte ich lieber im Gymi schlafen“, sagt der aufgeweckte Junge, und: „Das hat sich bewährt“. Deshalb will er es nun auch während der Schulzeit so halten, genau wie seine Schwester Alessia. Die 15-jährige startet in das zweite Internatsjahr in Immensee. Drei verschiedene Gymnasien hat Alessia mit ihren Eltern Daria und Roland Dörig geprüft. „Alessia entschied sich für Immensee, weil sie hier bei der Besichtigung das beste Bauchgefühl hatte“, sagt Roland Dörig. Ein Gefühl, dass Alessia nicht täuschen sollte. „Mir gefällt es in Immensee, weil ich hier die ganze Woche selbstständig bin und immer meine Freundinnen treffen und kann“, sagt sie. Auch die Eltern sind zufrieden: „Alessia hat sich in ihrem ersten Jahr als Internatsschülerin in Immensee sehr positiv entwickelt“, sagt Roland Dörig.

 

Bald ist der Koffer von Fabiano ausgepackt, die Aussicht aus dem hellen Zimmer zur Rigi begutachtet. Fabiano kramt sein Handy hervor und demonstriert den Klingelton seines Weckers. Sein neuer Zimmerkollege reagiert darauf noch eher ausweichend. Doch schon bald haben die beiden ein gemeinsames Gesprächsthema gefunden. Beide sammeln Edelsteine und Kristalle. Bei Philipp Alexander zu Hause füllen sie ein Gestell, bei Fabiano fast das ganze Zimmer. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich die beiden das Zimmer teilen: „Bei der Zusammenstellung der Zimmergemeinschaften achten wir sehr auf die Passung der Charaktere“, sagt Internatsleiter Joze R. Mubi. Auch sonst überlässt das Betreuungsteam nichts dem Zufall. Der Tagesablauf, das betreute Studium, das Lichterlöschen, der Gebrauch von Laptops und Handys – alles ist genau und nach Altersklasse differenziert geregelt. Dem Wirken der Betreuungspersonen liegen konkrete Leitsätze zu Grunde. „In Immensee herrscht ein Klima der Offenheit, Rücksichtnahme und des Vertrauens“, heisst es darin, und: Diese Kultur „ermöglicht innerhalb verbindlicher Regeln und Leitplanken persönlichen Entfaltungsfreiraum in einer tragenden, von Respekt und Toleranz geprägten Wohngemeinschaft.“

 

„Am wichtigsten für uns ist es“, sagt Joze R. Mubi, „ zu unseren Internatsschülerinnen- und Schülern eine tragfähige Beziehung aufzubauen.“ Das beginnt schon am ersten Schultag. „Heute hat die Betreuerin Désirée mit einigen von uns UNO gespielt, und ich habe gewonnen“, sagt Fabiano am Abend. Man merkt: Dieses Erlebnis mit der Leitungsperson hat ihm gutgetan. Andere Schüler kommen scheinbar zufällig beim Büro vorbei. Es lockt die Schale mit kleinen Süssigkeiten, die stets auf dem Leiterpult zum Naschen bereitsteht. Es lockt aber auch die Gelegenheit, beiläufig bei der Betreuerin eine Sorge zu deponieren. Für die Fragen des Alltags wird den Neu-Eintretenden an diesem Abend zudem ein Götti oder eine Gotte zugeteilt. Im Falle von Fabiano ist es der 15-jährige Sufyaan. „Natürlich kann Fabiano alle fragen, wenn er etwas nicht weiss. Aber mich kann er immer fragen“, sagt Sufyaan. Die Arbeit am Gemeinschaftssinn unter den Internatsschülerinnen- und Schülern kennt noch ein anderes Gefäss: Den Barralrat. Schülerinnen und Schüler aus allen Wohngruppen beraten und bestimmen hier über die Umgestaltung des Fernsehraums, über die Liegen auf der Dachterrasse oder auch schon mal über eine Neuregelung bei den Ausgangszeiten. Wichtig ist auch der Nachtfood. Alle kommen nach neun Uhr abends nochmals zusammen und knabbern etwas. Joze R. Mubi weiss: „Was wir hier an Gemeinschaft aufbauen, hält manchmal ein ganzes Leben lang“, und: „Wer das erlebt hat, möchte oft auch seinen Kinder eine Internatserfahrung ermöglichen.“

Bericht Januar 2016 von David Coulin

Heimat auf Zeit

 

Das Leben im Internat ist fordernd, aber auch bereichernd - zum Beispiel im Gymnasium Immensee.

 

Zur Klärung vorneweg: Das Gymnasium Immensee beherbergt eigentlich zwei Internate – eines für die Schüler/-innen von der ersten bis zur vierten Gymnasialklasse, eines für die jungen Erwachsenen ab der fünften Klasse. Zentrales Arbeitsinstrument für die Mitarbeitenden im Internat für Jüngere ist ein Ordner. Dort wird eingetragen, wer wann und wo sein Abendstudium macht, wer welches Ämtli zu erledigen hat, wer einen Ausnahmejoker gesetzt hat (darf man dreimal pro Semester), wer eine grüne Karte eingelöst hat (als Belohnung für’s Ämtli), wer eine Lernverlängerung beantragt hat, wer wo den Abendsport besucht. Praktisch leer ist – für den Besucher überraschend – die Spalte „Ausgang“.

 

Da läuft etwas

 

Die Überraschung legt sich, wenn man merkt, wie gut ein Abend im Internat für die Jüngeren strukturiert ist: Abendessen, Abendsport, Studium, Nachtimbiss, Freizeit, Lichterlöschen. Nur fällt das kaum auf, wenn man zu Besuch ist. Höchstens das Studium von acht bis neun Uhr schafft ab und zu individuellen Diskussionsbedarf. „Die Abläufe sind sehr gut eingespielt, wir haben kaum disziplinarische Probleme“, sagen die Mitarbeitenden. Sie heissen Beate Idelmann, Desirée Rust, Corina Meyer und als Internatsleiter Joze Mubi. Sie sind im Internat vor allem eines: präsent. Denn im Vordergrund stehen nicht die Regeln, sondern das Leben. Das reicht von „Hallo Beate, ich brauche ein Lineal“, über „ich finde meinen Zimmerschlüssel nicht mehr“ bis zu „ habt ihr das jetzt organisiert mit dem Weihnachtsmann, so wie wir das im Internatsrat besprochen haben?“ Der Internatsrat heisst hier „Barralrat“ und prägt die Gemeinschaftskultur aktiv mit. So ist der Schülerinitiative zum Beispiel die Tradition des „Wichtelns“ verdanken. Immer vor Weihnachten erhält jede Schülerin und jeder Schüler drei kleine Geschenke – von welcher Kollegin oder welchem Kollegen, ist geheim.


Ankerpunkt „Nachtfood“

 

Nicht immer ist indes der Besuch einer Schülerin oder eines Schülers bei den Internatsmitarbeitenden von vornherein ersichtlich. Dann offenbart eine kurze Nachfrage im Stil von „wie geht’s dir?“ den wahren Grund des Erscheinens. Vielleicht braucht es ein Gespräch unter vier Augen, oft helfen spontan Internatskameradinnen oder – kameraden, die Situation zu klären. „Solche Erfahrungen machen wir immer wieder“, sagt Beate Idelmann. „Die Jugendlichen unterstützen einander auf eine gute Art und Weise.“ Tatsächlich: Der Umgang der Jugendlichen untereinander ist über die Altersstufen hinaus auffallend zuvorkommend und rücksichtsvoll, das Klima entspannt. „Es ist ein Klima, das sich über Jahre entwickelt hat“, sagt Peter Leumann, der zusammen mit Eliane Egli das Internat mit den Schülerinnen und Schülern des Obergymnasiums leitet. Beide sind neben einer Lehrtätigkeit am Gymi in einem Teilzeitpensum als Internatsbetreuerin und Internatsbetreuer tätig, wobei ein Arbeitsabend von 17.30 Uhr gut und gerne bis morgens um eins dauern kann. Der Regelrahmen ist weiter gesteckt als am Internat des Untergymi. „Das bedingt, dass wir wo nötig zusätzliche Strukturen und Lernhilfen individuell mit einzelnen Schülerinnen und Schülern aushandeln“, sagt Peter Leumann. Beliebter Fixpunkt im Abendprogramm ist aber auch hier der so genannte „Nachtfood“. Um viertel nach neun abends treffen sich die meisten Internatsbewohnerinnen und –bewohner im Gemeinschaftsraum zu einem Snack. Es wird gelacht, gescherzt, getratscht. „Wenn ich den Leuten erzähle, dass ich in einem Internat bin, habe ich schon zu hören bekommen, was ich denn angestellt hätte“, sagt eine Schülerin und lacht. „Dann muss ich jeweils sagen, gar nichts, ich bin ganz freiwillig hier und finde es gut.“ Sodann wendet sie sich wieder dem Lernen zu. „Ich bin ein Gruppenlerntyp“, sagt sie, „das kann ich hier bestens ausleben.“


Erfahrungen fürs Leben

 

Andere ziehen sich auch gerne wieder zurück, und ja, es gibt sie, die persönlichen Probleme und Krisen. „Einen jungen Menschen aus einem Tief zu führen und wieder aufzubauen braucht viel Einfühlungsvermögen, viel Zeit und sehr viel Energie“, sagt Peter Leumann. Umso schöner, wenn das zumindest teilweise gelingt, wenn ein junger Mensch in seiner Entwicklung einen Schritt nach vorne machen kann. „Wichtig ist, dass wir Betreuenden uns untereinander intensiv austauschen und absprechen“, ergänzt seine Kollegin Eliane Egli. „Das hilft auch, um nach einem Abenddienst besser abschalten zu können.“ Was auch hilft, ist die Gewissheit, dass viele Menschen aus ihrer Internatszeit in Immensee unschätzbare Erfahrungen mitnehmen. „Sehr oft bekommen wir Besuch von ehemaligen Internatsbewohnerinnen und-bewohnern“, sagt Internatsleiter Joze Mubi. „Die einen berichten uns von Internatsfreundschaften, die ein Leben lang Bestand haben, andere sagen uns, dass sie ohne unsere Unterstützung das Gymi nicht geschafft hätten, und viele kommen einfach, um Danke zu sagen.“

Gymnasium Immensee 

Private Maturitätsschule

Bethlehemweg 12

6405 Immensee

Tel. 041 854 81 81

Fax 041 854 81 82

info@gymnasium-immensee.ch